Von James Clear stammt ein Satz, der auf ein Post-it passt: „Du brauchst nicht immer neue Ziele. Du brauchst mehr Fokus auf das, was du bereits tust.“
Er klingt harmlos. Tatsächlich stellt er eine unangenehme Frage: Ist das, was wir uns gerade vornehmen, wirklich neu — oder ist es der bequemere Ersatz für etwas, das wir uns letztes Jahr schon vorgenommen und nie zu Ende gebracht haben?
Das neue Ziel ist der angenehmste Fluchtweg
Ein Ziel zu setzen fühlt sich hervorragend an. In dem Moment, in dem man es formuliert, kostet es exakt nichts, und es erzeugt trotzdem sofort das Gefühl von Fortschritt. Man hat etwas getan, ohne etwas getan zu haben.
Ein bestehendes Ziel weiterzuverfolgen fühlt sich dagegen nach fast nichts an. Es ist Woche 40 von etwas, das in Woche 3 aufregend war. Niemand gratuliert einem dazu, und in der Besprechung klingt es nach dem, was ohnehin auf der Liste steht.
Deshalb ist der Zeitpunkt, an dem neue Ziele auftauchen, so verräterisch. Sie kommen fast nie dann, wenn das alte gescheitert ist. Sie kommen dann, wenn es mühsam wird.
Ziele sind billig, Systeme sind teuer
Clear hat den Gedanken an anderer Stelle zugespitzt: Man steigt nicht auf das Niveau seiner Ziele, man fällt auf das Niveau seiner Systeme.
Das lässt sich in jedem Betrieb nachprüfen. Zwei Unternehmen können sich am selben Tag dasselbe Ziel setzen — mehr Umsatz, bessere Kundenbindung, sauberere Prozesse. Ein Jahr später steht das eine woanders als das andere. Der Unterschied lag nie im Ziel. Er lag darin, was Montag um neun tatsächlich passiert ist: wer den Kunden anruft, wer die Angebote nachfasst, wo die Information landet, wenn sie jemand hat.
Ein Ziel beschreibt einen Zustand. Ein System beschreibt eine Woche. Verändern lässt sich nur die Woche.
Was „mehr Fokus auf das Bestehende“ praktisch heißt
Drei Fragen, bevor ein neues Vorhaben in den Plan kommt:
Erstens: Was von dem, was wir bereits anbieten, ist noch nicht fertig? Nicht „nicht erfolgreich“ — nicht fertig. In den meisten Betrieben liegen zwei bis drei Dinge herum, die zu 80 Prozent gebaut und nie zu Ende gebracht wurden, weil dazwischen etwas Interessanteres kam.
Zweitens: Wo kennen wir die Antwort längst und tun sie nur nicht? Die Nachfassmail nach dem Angebot. Die Übergabe, die immer mündlich passiert und deshalb immer schiefgeht. Das sind keine Ideen, das sind Ausführungslücken — und eine neue Idee schließt sie nicht.
Drittens: Was würde passieren, wenn wir im nächsten halben Jahr nichts Neues starten, sondern eine bestehende Sache um 20 Prozent besser machen? Bei den meisten wäre das Ergebnis größer als bei jedem neuen Vorhaben, weil die Basis schon steht — Kunden, Wissen, Ruf.
Bei 1Tool ist genau das über Jahre die eigentliche Arbeit gewesen. Es sieht von außen aus wie eine Reihe neuer Module. Der weitaus größere Teil des Aufwands ist in dieselben Funktionen geflossen, die schon existiert haben, nur in besser. Das war nie ein Ziel, über das man in einer Klausur spricht. Es war das, was jede Woche passiert ist.
Der ehrliche Einwand
Es gibt den Fall, in dem ein neues Ziel richtig ist. Wenn ein Markt wegbricht, wenn sich die Technologie unter dem Produkt verändert, wenn man sich schlicht geirrt hat — dann ist Beharren keine Tugend, sondern Sturheit mit besserem Namen.
Der Unterschied zwischen Umbruch und Ausweichen ist meist an einem einzigen Merkmal erkennbar: Wer bewusst wechselt, kann die alte Sache sauber beenden — sie abschalten, den Kunden erklären, den Schnitt datieren. Wer ausweicht, lässt sie laufen. Sie steht dann noch drei Jahre halbtot im Portfolio und kostet weiter Aufmerksamkeit, während offiziell längst das Neue verfolgt wird.
Ein guter Test also: Wenn Sie das Neue nur beginnen können, indem Sie das Alte weder beenden noch abschalten, ist es kein neues Ziel. Es ist ein Nebenschauplatz.
Das unspektakulärste Jahr ist oft das beste
Der Reiz an neuen Zielen ist, dass sie eine Geschichte haben. Man kann sie erzählen. „Wir machen dasselbe wie letztes Jahr, nur genauer“ ist keine Geschichte, die irgendwo Applaus bekommt.
In zwanzig Jahren Unternehmertum waren es aber fast immer diese Jahre, die im Nachhinein etwas verändert haben. Nicht die mit den vielen Aufbrüchen — die mit der langweiligen Wiederholung, in denen ein Betrieb dieselbe Sache noch einmal um eine Spur besser gemacht hat als im Jahr davor.
Der Satz von James Clear ist deshalb keine Aufforderung, kleiner zu denken. Er ist die Erinnerung daran, dass das, was Sie ohnehin schon tun, in aller Regel noch nicht ausgereizt ist. Es ist nur noch nicht fertig.